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Angelika Walter (Hospizgründerin, Sterbebegleiterin, Mediatorin)

Angelika Walter leitet seit 16 Jahren ein ambulantes Hospiz auf der Reutlinger Alb und hat in dieser Zeit viele Sterbende auf ihrem letzten Weg begleitet. Ihre Einstellung zum Leben hat sich dadurch nachhaltig verändert, ebenso wie ihr Verhältnis zum Tod. Neben all dem Leid und der Trauer hat sie auch lustige Dinge beim Thema Sterben erlebt. Lesen Sie hier ihre Antworten auf unsere 5 Fragen:

1. Wie sind Sie dazu gekommen sich mit dem Thema ‚Tod‘ auseinander zu setzen?

Ich kam nicht dazu, sondern das Thema kam zu mir.

Nach der Trennung 1985 brach mein erster Mann den Kontakt zu mir und unserer Tochter ab und ich war alleine für sie verantwortlich. Meine Arbeitsstelle war damals 66 km entfernt und auf den täglichen langen Autofahrten machte ich mir oft Gedanken, was aus meiner Tochter werden würde, wenn mir was passiert. Und so verfasste ich mein erstes Testament. Meine Umgebung reagierte verständnislos auf diesen Schritt, vor allem da ich noch ziemlich jung war. Damals fragte ich mich verwundert, wie alt man denn sein müsse um ein Testament machen zu ‘dürfen’ und fand es erschreckend dass Menschen so viel Angst vor dem Tod haben.

Ein paar Jahre später kam mein bester Freund bei einem Unfall ums Leben. Wir waren seit unserer Jugend eng miteinander verbunden und sein Tod war für mich ein großer Schock. Zum Glück kannte ich damals schon meinen zweiten Mann (wir sind mittlerweile fast 30 Jahre zusammen :-)) und wenigstens mit ihm konnte ich über meine Trauer reden, in meinem Freundeskreis versuchte jeder das Thema zu meiden.

Ich half wo ich konnte: bei der Organisation der Beerdigung und bei der Trauerbegleitung der Angehörigen und erkannte schließlich schmerzlich, dass ich auch auf mich selbst achten musste, um nicht auszubrennen. So lernte ich, mich selbst besser zu beobachten und erkannte auf diese Weise auch, wie tief dieser Verlust mich veränderte.

Durch dieses teilweise schmerzliche Beobachten begann ich auch, mich mit dem Tod auf einer anderen Ebene auseinander zu setzen. Ich fragte mich z.B. was eigentlich während dem Vorgang des Sterbens passiert und suchte Menschen, die mir diese Frage beantworten konnten. Ich bildete mich weiter und begann sterbenden Freunden und Bekannten zur Seite zu stehen. Ich habe im Laufe der Zeit auch viel gelesen, z.B. die Bücher von Elisabeth Kübler-Ross. Aber am meisten lernte ich immer aus meinen eigenen Erfahrungen.

1999 gründete ich den Verein „Freundeskreis Magdalena-Hospiz e.V.“ und seitdem begleite ich zusammen mit meinem Team Sterbende zu Hause oder im Pflegeheim. Gleichzeitig biete ich eine Fortbildung für Angehörige und Zugehörigen von Schwerstkranken, um diesen eine Grundhaltung zu vermitteln, die es möglich macht die schwierige Aufgabe einer Begleitung zu schultern ohne daran selbst kaputt zu gehen. In dieser intensiven Fortbildung wird viel Wert auf Persönlichkeitsentwicklung gelegt, was aber auch im ‚normalen‘ Leben sehr hilfreich ist.

2. Wie hat der Umgang mit diesem Thema Ihr Leben ganz persönlich verändert?

Durch den Umgang mit dem Thema Endlichkeit wurde meine Einstellung zum Leben entspannter. Ich schätze jeden einzelnen Tag und freue mich, ihn leben zu dürfen. Das Thema Tod habe ich immer vor Augen und damit ist es nicht mehr unwirklich und unheimlich, und nicht mehr beängstigend. Ich erlebe den Tod als etwas sehr Natürliches und kann ihn zu mir nehmen ohne meine Gefühle dazu zu verleugnen.

Trotzdem empfinde ich natürlich Trauer, wenn jemand aus meinem Umfeld geht. Wäre ja auch seltsam, wenn es nicht so wäre. Aber ich habe einen anderen Umgang damit und weiß dass das Trauern ein natürlicher Prozess ist, der letztendlich wieder ins Leben zurückführt. Das zu wissen hilft mir sehr.

Und ich nehme mich selbst nicht mehr so wichtig, sondern achte darauf was ich tue, wie ich mit anderen umgehe usw. Und wenn ich manchmal falsch liege, ist das für mich auch in Ordnung. Fehler bringen mich weiter, solange ich bereit bin, diese zu akzeptieren und zu korrigieren.

3. Welche Erfahrungen haben Sie in Ihrem Umfeld mit diesem Thema gemacht / Wie reagiert ihr Umfeld auf dieses Thema?

Mein Umfeld reagiert immer etwas verwundert wenn ich über den Tod rede, da ich mit dem Thema ganz frei umgehe und offen erzähle was ich darüber denke und schon erlebt habe.

Die Reaktionen der Menschen sind verschieden, je nachdem ob bzw. wie weit sich jemand mit dem Thema schon mal aus einander gesetzt hat. Jeder hat eine andere Beziehung zum Tod und Sterben und die muss man auch einem jeden zugestehen.

Eric Berne schreibt in seinem Buch ‚Was sagen Sie, nachdem Sie Guten Tag gesagt haben? Psychologie des menschlichen Verhaltens, 1991‘ :

„…Jeder von uns trifft bereits in seiner frühen Kindheit ein Entscheidung darüber, wie er leben und sterben wird, und diesen Lebensplan, den er überall, wo er auch hinkommt, mit sich herumträgt, bezeichnet man als Skript. Auch wenn es im Alltag so scheinen mag dass alles aus Vernunft entschieden ist, seine wichtigsten Entscheidungen sind bereits gefallen: Wen er heiraten wird, wie viele Kinder er haben wird, in welcher Art von Bett er sterben wird, und wer in seinen letzten Stunden bei ihm sein wird…“

Diese Stelle gibt mir immer zu denken.

Unsere Gesellschaft hat sich immer noch nicht bewusst gemacht, dass der Tod zum Leben gehört und dass man den Umgang damit erlernen kann. Das finde ich sehr schade.

4. Haben sie ganz persönlich den Eindruck, dass sich der Umgang mit diesem Thema im Allgemeinen ändert?

Auch wenn es in den die Medien immer präsenter wird, offiziell redet man nicht über den Tod. Mein Eindruck ist, dass der Umgang damit immer noch genauso verklemmt ist wie früher.

Ich bedauere sehr, dass viele noch nicht einmal den natürlichen Sterbe-Prozess kennen und damit auch nicht er-kennen können. Denn das würde es vor allem für die Betroffenen einfacher machen. Und ich lehne Sterbehilfe ab, da uns damit so viele Erfahrungen verloren gehen, die für uns Menschen wichtig wären.

In einem Seminar fragte mich mal eine ältere Dame warum ich denn das alles mache, und meine prompte (und selbst für mich überraschende) Antwort war „weil ich einmal gesund Sterben möchte“.

Alle lachten und dann setzte eine Diskussion ein, was es bedeutet „gesund“ zu sterben?

So möchte ich das einfach mal stehen lassen, da kann sich ein jeder seine eigenen Gedanken dazu machen. Gerne dürfen Sie mir auch berichten was Ihnen dazu einfällt. Schreiben Sie mir doch einfach an sinnvolltrauern@kido-ohg.de, Susanne leitet es dann an mich weiter.

Der Umgang mit diesem Thema lässt viel Raum für eigenen Gedanken.

5. Was war ihr lustigstes Erlebnis zu diesem Thema?

Lustige Erlebnisse hatte ich schon viele, ich kann sie gar nicht mehr alle aufzählen.

Einmal zum Beispiel begleitete ich eine alte Dame und es schien bald so weit zu sein, dass sie gehen würde. Die ganze Familie war ganz leise und vorsichtig, um sie nicht zu stören. Da setzt sie sich auf einmal plötzlich im Bett auf und fragt lauthals in den Raum: „Sag mal, wer stirbt denn hier eigentlich?“. Das war ihr nämlich dann doch ein bisschen zu viel der Fürsorge.

Alle haben laut gelacht, auch sie, und plötzlich war die ganze Stimmung wieder lebhafter und lustiger und sie war zufrieden, dass nun doch sie diejenige sein würde und keine der Jüngeren.

Auch sehr lustig war die Beerdigungsplanung einer Frau, die schwerstkrank war und bei der die Ärzte schon längst alle Hoffnung aufgegeben hatten. Trotzdem lebte sie noch einige Monate und setzte sich mit ihrer großen Angst vor dem Tod auseinander, indem sie ihre eigene Beerdigung zu planen begann. Sie hatte witzige, bunte und ausgefallene Ideen und wir mussten immer lachen wenn ihr was Neues eingefallen war. Am Ende hatte sie eine wirklich sehr schöne Beerdigung, in der alles enthalten war,  was ihr wichtig war und den Angehörigen Trost spendete.

Oft entsteht auch ein lustiger Augenblick, wenn jemand etwas tut oder sagt, was total unsinnig ist. Den Sterbenden und ihren Familien hilft es dann zu wissen, dass es vollkommen in Ordnung ist, wenn man dann auch lacht und sich an der Situation erfreuen kann. Denn der Tod kommt so oder so und die Trauer auch.

Deshalb sollte man das Leben bis zum Ende auskosten mit all seinen Höhen und Tiefen.

Zur Person: 

Angelika Walter ist Gründerin und Vorsitzende des „Freundeskreis Magdalena Hospiz e.V.“ auf der Schwäbischen Alb und arbeitet aktiv als Hospizbegleiterin. In diesen Rahmen hat sie unter anderem einen Lehrplan für eine einjährige Ausbildung zum Sterbebegleiter/In erarbeitet und umgesetzt und bietet An- und Zugehörigen und Interessierten die Möglichkeit zur eigenen Fortbildung an.

Nach einem erfolgreichen Studium zur „Mediatorin**“ an der Hochschule Darmstadt bietet sie mittlerweile Seminare, Fortbildungen und Teamtrainings im Bereich Persönlichkeitsentwicklung und Mediation im gesamten deutschsprachigen Raum an. Derzeit absolviert sie ein Studium zum ‚Bachelor of Arts für Prävention und Gesundheitspsychologie‘ an der FH Riedlingen.

Weitere Informationen finden Sie hier: http://www.psychofit-angelika-walter.de/index.html und auf ihrem Blog: https://angelikawalter.wordpress.com/

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