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Und dann ist plötzlich alles anders: Anja Witschel

Durch den plötzlichen Tod Ihres Ehemanns ist Anja Witschel mit 34 plötzlich Witwe und steht vor der Herausforderung ihr Leben neu zu ordnen. Wie ihr das gelingt und sie sich trotz dieses Unglücks ihre Lebensfreude bewahrt, verarbeitet sie in Ihrem Ratgeber ‘Der Partner stirbt – ist jetzt alles vorbei?’ der im August dieses Jahres veröffentlicht wurde. In dem nachfolgenden Interview erzählt sie uns wie dieser Schicksalsschlag sie selbst verändert hat.

SinnVoll Trauern: Wie sind Sie dazu gekommen sich mit dem Thema ‚Tod und Endlichkeit‘ auseinander zu setzen?

Mein Mann war ganz plötzlich verstorben. Mit 37 Jahren an einem Herzinfarkt. Das ist nun zehn Jahre her. Ich war damals 34 Jahre alt und hatte das Gefühl, nach den ersten intensiven gemeinsamen zehn Jahren mit Studium, Wohnortwechsel, Berufsstart und Heirat geht es jetzt richtig los, wird es erst recht schön, ist es immer noch steigerungsfähig – wir waren so herrlich mitten im Leben. Und dann ganz unvermittelt in all der Unbeschwertheit war der Tod auf einmal ganz nah. Es war wie eine abrupte Vollbremsung in meinem Leben. Nichts war plötzlich mehr wie vorher. Stillstand. Ich war auf mich zurückgeworfen und durfte einen Weg finden, weiterzuleben und wieder Freude am Leben zu haben.

Mir war wichtig, dass der Tod meines Ehemannes noch einen Sinn findet. Ich wusste zunächst nicht wie und hatte gleichzeitig das Gefühl, irgendwann wird sich mir da schon ein Weg auftun. Und in diesem Jahr war dann wohl die Zeit reif dafür, ein Buch über meine Zeit der bewussten Trauer und den erfolgreichen Weg zurück ins Leben zu schreiben. Ich möchte damit meine persönlichen Erfahrungen weitergeben, die zum einen anderen Betroffenen weiterhelfen können. Zum anderen bekommen Außenstehende, das Umfeld einen authentischen Einblick in die Situation eines Trauernden, um mit der oftmals eigenen Unsicherheit im Umgang mit Tod und Trauer besser zurechtzukommen. Darüber hinaus ist es letztlich ein „Mutmacher“, schwierige Zeiten zu überstehen – unabhängig davon, um welche Hürden es sich handelt. Wir haben die Chance, an unseren Herausforderungen zu wachsen und wir haben immer die Wahl: zu zerbrechen oder uns dafür zu entscheiden, gestärkt aus Krisen hervorzugehen.

Wie hat der Umgang mit diesem Thema Ihr Leben ganz persönlich verändert?

Buchumschlag
Anja Witschel: Ein Mutmacher auf dem Weg zu neuer Lebensfreude

Glücklicherweise war ich schon vorher ein positiver Mensch. Diese Grundeinstellung und der Blick nach vorne haben mir sicherlich vieles erleichtert. Tatsächlich empfinde ich doch noch eine Steigerung meiner positiven Lebenseinstellung und meiner Lebensfreude durch den erlebten Schicksalsschlag. Alles hat zwei Seiten und durch das Unglück weiß ich die schönen Zeiten noch mehr zu schätzen, ich bin noch bewusster unterwegs. Meine Wahrnehmung gerade der kleinen Glücksmomente im Alltag hat sich verstärkt und auch die Dankbarkeit ist für mich ein wichtiger Wert. Wie vieles nehmen wir denn irgendwann einfach als selbstverständlich hin? Zum Beispiel, dass wir gesund sind und unser Körper funktioniert. Oder unsere Lieblingsmenschen immer da sind. Dafür und für vieles mehr immer wieder dankbar zu sein und es wertzuschätzen finde ich ganz wichtig und bereichert mein Leben.

Zudem weiß ich, wie wichtig es ist, in die Eigenverantwortung zu kommen. Die volle Übernahme der Verantwortung für das eigene Leben bringt uns weg von der Opferrolle und macht uns erst richtig handlungsfähig. Das ist nicht immer bequem und auch durchaus anspruchsvoll, klar. Doch es lohnt sich, dorthin zu kommen. Damit verschwenden wir viel weniger Energie für Sachverhalte, die vergangen und nicht mehr zu ändern sind und agieren um so viel lösungsorientierter. Ich beobachte, dass mein Leben mehr Gelassenheit, Entspannung und Lösungsorientierung hat als früher. Frei nach Neale Donald Walsh heißt es „Glück ist eine Entscheidung, kein Zufall“. Wir können in der Tat entscheiden: ja, es darf wieder schön werden!

Welche Erfahrungen haben Sie in Ihrem Umfeld mit diesem Thema gemacht / Wie reagiert ihr Umfeld auf dieses Thema?

Da damals natürlich auch unser persönliches Umfeld in Bezug auf den Freundes- und Kollegenkreis eher jung war, trat der Tod für fast alle zum ersten Mal und ziemlich unvorbereitet sehr krass in das blühende Leben. Sehr viele sind zur Beerdigung gekommen, um sich zu verabschieden und um mir ihr Mitgefühl und ihre Anteilnahme auszudrücken. Auch hier ist es wie in anderen Bereichen auch: nicht jeder kann gleich gut mit einer Situation umgehen. Nicht jeder findet möglicherweise die passenden Worte. Und das muss auch nicht sein. Es gibt viele Möglichkeiten, seine Anteilnahme auszudrücken: eine stille Umarmung, gemeinsame Zeit, zuhören, einfach da sein, für Ablenkung sorgen. Ich habe mich in Summe sehr aufgefangen gefühlt durch mein Umfeld. Es war dabei auch so, dass ich den Weg gewählt hatte, möglichst schnell wieder am Leben teilzunehmen und viele Gelegenheiten genutzt habe. Gespräche und Aktivitäten mit vielen unterschiedlichen Menschen aus dem Umfeld mit verschiedenen Perspektiven haben mir geholfen auf meinem Weg der Trauer und meinem Weg zurück ins Leben.

Natürlich gab es auch Menschen, denen ich es mit meinem Trauerweg nicht recht machen konnte. Die der Meinung waren, dass in der Trauer dies oder jenes nicht passend sei. Das habe ich aber nur vereinzelt mitbekommen und auch nicht direkt. Das Positive für mich daran war zu erkennen, dass hier ein gesunder Egoismus gelebt werden darf oder sogar muss, um sich selbst zu retten. Letztlich gilt es ja, sich selbst am Schopf rauszuziehen und es zählt das, was einem ganz persönlich hilft.

Haben sie ganz persönlich den Eindruck, dass sich der Umgang mit diesem Thema im Allgemeinen ändert?

So wie ich es bisher wahrnehme, glaube ich, dass der Tod noch immer ein Tabuthema ist. Es bedeutet letztlich ja, sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen.

Nicht umsonst ist zu beobachten, dass in den Familien wichtige Themen wie Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht und Testament gerne aufgeschoben werden.

Ich denke gerade an meine damalige Situation zurück, als ich mich mit meiner neuen Rolle als Witwe auseinandersetzen musste. Da fühlte ich mich unwohl, weil eine junge Witwe nicht so recht in die Spaßgesellschaft passte. Die die anderen allein durch bloße Anwesenheit an die eigene Endlichkeit erinnerte und dass das Leben eben auch mal ganz anders als geplant ablaufen kann. Das war zumindest mein eigenes Empfinden. Und zeigt, dass in der eigenen Wahrnehmung so etwas nicht zu sein hat, irgendwie fast schon falsch ist. Hier dürfen wir verstehen, dass der Tod zum Leben gehört, letztlich ein zeitloses Thema ist und irgendwann jeden betrifft. Je früher wir uns damit auseinandersetzen, desto hilfreicher ist es im Umgang mit dem Tod.

Was war ihr lustigstes/schönstes Erlebnis zu diesem Thema?

Da erinnere ich mich an ein Erlebnis nach der Beerdigung. Mich erreichte damals folgende Rückmeldung aus den Reihen der Anwesenden. „So eine Beerdigung und Trauerfeier würde ich mir, wenn ich mal dran bin, für mich auch wünschen.“ Das hat mich berührt. Aus zwei Gründen.

Zum einen hat dieser junge Mensch seinen Frieden mit dem Tod bereits gemacht. Das fand ich bemerkenswert. Und zum anderen war mir wichtig, meinem verstorbenen Ehemann einen würdigen Abschied zu bereiten und anderen die Möglichkeit zu geben, ihre Trauer auszudrücken und sich von ihm zu verabschieden. Diese Rückmeldung gab mir ein gutes Gefühl. Und „entabuisiert“ das Thema Tod: eine Beerdigung, eine Trauerfeier darf schön sein und als schön empfunden werden …

Zur Person:

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Anja Witschel wurde 1971 in Starnberg/Bayern geboren und lebt nun mit ihrem Lebensgefährten in Regensburg. Als Dipl.-Betriebswirtin (FH) und Executive Financial Consultant berät und betreut sie seit 2001 ihre Kunden in finanziellen Angelegenheiten, unter anderem auch in dem Bereich Absicherung und Vorsorge. Privat steht der Sport für sie weiter hoch im Kurs, war er doch mit entscheidend auf ihrem Weg zu neuer Lebensfreude.

Ihr Ratgeber ist sowohl online bei epubli und Amazon erhältlich als auch im örtlichen Buchhandel.

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